Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
denn sie sind selber auferstanden.

(Goethe)

Osterspaziergang

Schönes bekanntes Gedicht, geschrieben von dem berühmten deutschen Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe, mit kurzer Interpretation.

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weisses:
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier:
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn;
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus Strassen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss, in Breit' und Länge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet gross und klein:
"Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein."

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Aus: Goethe, die Faustdichtungen, Winkler Verlag München, Sonderausgabe 1989, Artemis Verlag Zürich und München: Faust, der Tragödie erster Teil; vor dem Tor; 889-922;

Z I T A T
Zufrieden jauchzet gross und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.

(Goethe)

Kurze Interpretation

Osterspaziergang

Diese Interpretation ist eine rein gefühlsmässige. Sie bezieht sich nur auf das Gedicht an sich und nicht auf die Faustdichtung, in dieser das Gedicht von Faust (Spaziergang mit Wagner) zitiert wurde.

Goethe nimmt uns auf einen Spaziergang mit und beschreibt uns auf wunderbare Weise, wie wenn es ein eigenes Erwachen wäre, das Erwachen des Frühlings. Den jahreszeitliche Übergang in all den vielen kleinen Facetten, mit dem Blick nicht nur auf die Natur, auch auf die erwachende Gesellschaft.

Denn die milden Temperaturen und das Licht locken nach draussen. Die Menschen haben Lust auf Aktivität, auf Neues, auf Lebendigkeit... . Die Sonne will alles mit Farbe beleben. Die Welt wird bunter, und wenn auch die Blümchen ihre Köpfe noch nicht aus dem Boden strecken, so doch die Menschen. Überall regt sich Bildung und Streben.

Ob der Schreiber des Gedichtes mit dem alten Winter, der sich in rauhe Berge zurückzog, sich selber gemeint hat, wissen wir nicht. Ein Rückzug in geistige Gefilde, eine Auszeit, ein Ekel an der Gesellschaft... . Wie auch immer, es ist Zeit: "Kehre dich um von diesen Höhen..., im Tale grünet Hoffnungsglück."

Um dieses Gedicht zu fühlen, brauchen wir nicht ins 19. Jahrhundert zurückzuschweifen. Es reicht, die Sinne zu öffnen und das Naturschauspiel an Auferstehung auf sich wirken zu lassen. Denn, wer durch den Winter "gestorben ist" wird jetzt tief ein- und ausatmen und hoffentlich ein bisschen jauchzen.

(© Interpretation geschrieben von Monika Minder, 14.03.2019)

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